Pandemien die auch Notzingen betroffen hatten sorgten einst für einen eigenen Friedhof

Aus dem Lagerbuch der geistlichen Verwaltung Kirchheim vom Jahre 1567 erfahren wir, daß die Einwohner von Notzingen und Wellingen „tot und lebendig“ in die Pfarrei Kirchheim gehören. Notzingen besaß damals keinen eigenen Gottesacker (Friedhof). Die Leichen wurden zur Bestattung nach Kirchheim überführt. Der Friedhof lag innerstädtisch bei der Martinskirche. Ab dem Jahr 1541 wurde der Friedhof, im Zuge des Ausbau der Stadt Kirchheim zur Landesfestung, nach Norden vor das Stadttor jenseits der Herdfeldbrücke verlegt. (Heutige Alte Friedhof in Kirchheim)
Hier stand die Marienkapelle an der Lindach. Diese Kapelle war bis in das 16.Jahrhundert für die Kirchheimer Filialgemeinden Ötlingen mit Lindorf und Notzingen (mit Wellingen) bei Begräbnissen, Taufen und Hochzeiten zuständig. Diese Kapelle wurde dann im Jahr 1903 ersetzt durch eine neugotische Friedhofskapelle. Finanziell wurde dies möglich durch eine Stifung von 25.000,-- Goldmark des, in die USA ausgewanderten, Jakob Friedrich Schöllkopf. Wie kam es dann dazu, daß Notzingen einen eigenen Friedhof bekam?

Während der gesamten Zeitrechnung gab es immer wider Pandemien, früher Seuchen genannt. Insbesondere die Pest kursierte immer wieder auf der ganzen Welt und forderte extrem hohe Todesraten. Im Jahr 1594 brach die Pest auch in Notzingen aus. Innerhalb von zehn Tagen starben drei Personen. Am 10.September 1594 allein drei weitere. Um der Gefahr der Ansteckung zu entgehen, bat der Obervogt von Kirchheim beim Herzog um einen eigenen Begräbnisplatz in Notzingen. Der Herzog genehmigte diesen Vorschlag und zwei Tage später kam die Aufforderung nach Notzingen eine eigene „Grablege“ einzurichten. Die Toten sollten nicht mehr in Kirchheim, sondern am Ort selbst begraben werden. Es wurde die Wiese oberhalb der Zehntscheuer vorgeschlagen aber diese war zu feucht. Damit stand weiterhin kein eigener Friedhof zur Verfügung. Die Toten kamen zu dieser Zeit dann auf den Roßwälder Friedhof. Und als die Seuche nachgelassen hatte auch wieder nach Kirchheim und das Thema geriet schnell in Vergessenheit.
Aber bereits 1596 kamen wieder verdächtige Todesfälle wegen der Pest und eine erneute Aufforderung auf einen eigenen Friedhof. Es wurde daraufhin ein eigener Begräbnisplatz an der Kirche gekauft. Anno 1714 wurde dieser erweitert und nachdem er wieder zu eng wurde erfolgte um 1788 eine weitere Vergrößerung. Zusätzlich wurde wegen dem engen Platz die Belegungszeit pro Grab auf 7 Jahre Grabruhe begrenzt.

1831 kam eine Cholera-Epidemie über Rußland/Preußen und aus Österreich in unsere Gegend. Die württembergische Regierung befahl, daß an Cholera Gestorbene nicht innerhalb des Ortes begraben werden dürfen. Man musste sich für die Cholera-Toten in Notzingen und Wellingen um einen Platz außerhalb des Ortes bemühen. Im Jahr 1836 wurde ein Friedhof zwischen Notzingen und Wellingen für die Wellinger Bürger und die an Cholera Gestorbenen aus Notzingen eingerichtet. Notzinger Bürger konnten sich dort auch einen Platz kaufen. Der Notzinger Friedhof um die Kirche diente noch bis 1903 als Begräbnisplatz für die Notzinger Bürger. Ab 1904 wurde der Friedhof in Wellingen nochmals vergrößert und dient bis heute als Friedhof unserer gesamten Gemeinde. Mit seiner Südhanglage am „Sommerroile“ (am Sommerrain) bietet er neben einer schönen Aussicht, eine gute Infrastruktur und viel Licht, Bäume und Grün. Wir sehen auf unserem Friedhof wie es grünt und blüht, wie das Leben siegt, und damit bleiben wir vor weltfremder Resignation bewahrt.
So sind die Pandemien auch eine Chance gewesen für Notzingen und Wellingen – wenn es auch nur für einen eigenen Friedhof war. Wer seine Zukunft sucht muß seine Vergangenheit kennen. Sind wir gespannt, was die Chronisten über das Jahr 2020 und die entstehenden Konsequenzen und Veränderungen aus der „Corona-Zeit“ schreiben werden. Bleiben Sie Gesund.

Quellen: Notzinger Heimatbuch, Beiträge zur Heimatkunde des Teckboten, Veröffentlichungen des Verschönerungsverein Kirchheim und des Schwäbischen Heimatbundes, Sammlung Ursula Eberbach, Sammlung Alfred Bidlingmaier

Die neugotische Friedhofskapelle in der Herdfeldstraße wurde im Jahr 1903 erbaut. Die Vorgängerkapelle war bis zum 16.Jahrhundert auch für die Notzinger und Wellinger Christen bei Beerdigungen, Taufen und Hochzeiten zuständig.

Der Zugang und ein Teil der historischen Mauer am ehemaligen Friedhof direkt an der Jakobuskirche in Notzingen. Dieser Friedhof wurde 1596 eingerichtet und wurde bis 1903 als Begräbnisplatz für die Notzinger Bürger verwendet.
Heute dient der Platz für kirchliche Veranstaltungen und bei Gottesdiensten auch als Parkplatz für Mitarbeiter, Helfer und Teilnehmer des Gottesdienstes.

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