Wer seine Zukunft sucht sollte seine Vergangenheit kennen - Dies gilt auch hier.

In den nächsten Wochen beginnen die Renovierungen der Landesstraße L 1201, Kirchheimer Straße und Hochdorfer Straße, in Notzingen. Dies wurde aufgrund des schlechten Straßenbelages seit Jahren gefordert und ist in der Bevölkerung heiß herbeigesehnt. Diese Renovierung ist eine Gelegenheit zurückzublicken in die Entwicklung dieser Straße. Heute berichten wir über den Abschnitt der Hochdorfer Straße, auch als „Stellagaß“ bezeichnet, bis zum höchsten Punkt der Gemarkung, der sogenannten „Stelle“.

Bereits Anfang der 1950er Jahre wurde die Ortsdurchfahrt aus Richtung Ötlingen optimiert. Bis dahin ging die Ortseinfahrt durch die heutige „Alte Ötlinger Straße“.
Es wurde eine neue begradigte Straßenführung hergestellt zwischen Gasthaus Hirsch und der Tankstelle mit Werkstätte Sindlinger, später Autohaus Gross und heute Autohaus Eberle. Bei einem Großbrand am 4.März 1930 brannte das Landwirtschaftliche Anwesen von Gottlob Bosch mit Wohnhaus, Stall und Scheuer nieder. Dieses Anwesen stand an der heutigen Einmündung zur Ötlinger Straße gegenüber dem Gasthaus Hirsch (heute Arche) Dieses Gelände konnte die Gemeinde später erwerben und dadurch die heutige Ötlinger Straße gestalten.

Viele Jahre plante der Landkreis und das Land in den 1960er Jahren am schwierigen Ausbau dieser heutigen Landesstraße L 1201. Der Straße kommt überörtliche Bedeutung zu. Sie ist über die Verbindung mit Hochdorf eine der Anschlüsse des Kirchheimer Raums an das untere Filstal und ein Zubringer für die ebenfalls damals geplante neue Bundesstraße B 10. Nachdem der erste Bauabschnitt nach Kirchheim über den Hohenreisach gebaut war, wurde vom damaligen Notzinger Rathaus bis zur Gemarkungsgrenze nach Hochdorf, die Neugestaltung der Straßenführung durchgeführt. Begonnen wurde im Oktober 1975 und im Sommer 1977 war der Ausbau abgeschlossen.


Bauarbeiten an der „Stellagaß“, der heutigen L 1201, in Richtung Hochdorf, Aufnahme aus dem Jahr 1976 von oberhalb des Sonnenweges. Die Bergkuppe wurde um rund 8 Meter Höhe abgegraben für eine flachere Straßenführung

Vor dem Ausbau war die Hochdorfer Straße sehr schmal, steil und ohne Gehwege. Deshalb konnte, zumindest seit der zunehmenden Motorisierung, von Fußgängern der innerörtliche Straßenabschnitt im Steilbereich nur unter Lebensgefahr begangen werden.
Auf Herlach waren viele Gemeindeländer und fast jede Notzinger Familie hatte dort ein „Gmoidland“ von der Gemeinde gepachtet für Ihre Lebensmittelerzeugung zum Eigenbedarf. Auf der Höhe lagen weitere Äcker, Wiesen und Wald der kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Es war sehr gefährlich und beschwerlich mit Fuhrwerken und Lastwagen die Straße hochzufahren und vor allem auch wieder herunter. Die Handwagen mit Mist und Jauche selbst hochzuziehen war sehr anstrengend und beschwerlich. Die Bergabfahrt mit den Ernte-Erzeugnissen war mangels guter Bremsen meist nur mit Radschuhen zu bewältigen. Gegenverkehr mit größeren Fahrzeugen war problematisch. Die Pferde oder die Kühe als Zugtiere vor den Wagen rutschen beim Ziehen meist aus und es war eine Plage für Mensch und Tier. Es gab gar Überlegungen mit Gegengewichten an Drahtseilen, ähnlich wie bei Seilbahnen oder Skiliften, die Wagen hochzuziehen.

Den weiten Fußweg nach Hochdorf auf der „Stellagaß“ (Gasse zur Stelle) konnte man an der „Stelle“unterbrechen. Dies war und ist der höchste Geländepunkt von Notzingen. Dort auf der hohen Steinbank (Gruha, Gruobbank) wurde abgestellt was man auf dem Rücken oder dem Kopf trug. Man konnte „ausgruoba“ (ausruhen) und dabei auf Notzingen schauen. Bis nach dem zweiten Weltkrieg wurden sehr häufig Schüsseln, Körbe und „Zoina“(Weidenkorb) auf dem Kopf getragen. Ein „Beischtle“, (Lastring aus Stroh und oder Stoff) hat das Gewicht gleichmäßig auf dem Kopf verteilt. Die „Gruobbank“ wurde aufgrund der Baumaßnahmen und der notwendigen Geländeveränderungen von Ihrem damaligen Standort etwas nördlicher an die Abzweigung in den Plochinger Weg versetzt.

Eine Verbesserung der Straßenführung erforderte die Reduzierung der Steigungen, der Seitenneigungen und die Entschärfung der Kuppen. Innerhalb des Ortes musste man sich an die Gegebenheiten halten. Zur Verbesserung der Sichtachsen wurden jedoch drei Gebäude vom Landkreis und der Gemeinde erworben und anschließend abgebrochen.
Dadurch wurde nicht nur die Sicht verbessert sondern auch die notwendige Breite für Straße und die Gehwege erreicht. Die Gemeinde musste anschließend, die im Jahr 1958, gebaute Kanalisationsleitungen auswechseln und wesentlich größere Rohre neu einlegen lassen. Auch wurde die bereits 1928/29 verlegte Wasserleitung erneuert mit Rohren im Durchmesser von nun 200 mm. Die Leitungen von 1928/29 waren die ersten Wasserleitungen im Notzinger Teilbereich. Vorher holte man das Wasser von den öffentlichen Brunnen bzw. wenn vorhanden aus den Hausbrunnen. Im Zuge des Straßenausbaues wurden beidseitig die dringend notwendigen Gehwege angelegt. Ebenso die Omnibusbuchten für den ÖPNV. Und um die notwendige Straßenbreite von 6,5 Metern zu erreichen, mussten einige Mauern anstelle der früheren Böschungen in der Ortsdurchfahrt errichtet werden. Auch wurde in diesem Zusammenhang eine Linksabbiegespur eingebaut für den Weg zum Eichert und das spätere Neubaugebiet Letten. Ein bis zu 8 Meter tiefer Einschnitt in den Berg entschärfte die steile Kuppe nördlich von Notzingen. Nicht weniger als etwa 60.000 cbm Erdmassen wurden dabei bewegt. Es mussten sowohl harte Felsen ausgebrochen wie auch zu weiche Untergründe mit Kalk stabilisiert werden.

Bauarbeiten an der „Stellagaß“ in Richtung Ortsmitte, aufgenommen im Frühjahr 1976 von der „Stelle“ aus. Große Abflachungen durch Abgrabungen wurden inner- und außerhalb des Ortes durchgeführt

Erfreulich ist, dass bei der aktuellen Renovierung der Straße eine weitere Omnibushaltestelle im Bereich Hochdorfer Straße / Abzweigung Sonnenweg / Teckstraße, eingerichtet wird. Dies wurde von vielen Bürgern, insbesondere aus den Baugebieten Hofäcker, Letten und Hülben, zur Verbesserung der Akzeptanz des ÖPNV angeregt. Am 27.03.2017 hat die CDU Fraktion den Antrag eingebracht. Die Träger des ÖPNV prüften den Sachverhalt und nach einem Probebetrieb wurde zugestimmt. Die bauliche Umsetzung soll aber erst im Rahmen der Straßenrenovierung erfolgen. Ergänzt wird die Haltestelle mit einer Querungshilfe als Fußgängerfurt. Die vorhandene Bushaltestelle in der Hochdorfer Straße / gegenüber der Firma Benzel Raumausstattung, wird mit einer Busbucht und einem Wartehäuschen optimiert und damit der Komfort für die ÖPNV Nutzer gesteigert. Überall, wo möglich, werden Bushaltestellen und Fußgängerüberwege barrierefreier gestaltet. Für die Radfahrer werden auf den Bergauf-Strecken Radbegleitstreifen eingerichtet.

Beantragt wurde ebenfalls von der CDU-Fraktion, mit breiter Unterstützung der weiteren Fraktionen, zusätzliche Fußgängerüberwege in der Hochdorfer Straße. Erstens auf Höhe Hofackerweg / Treppe ins Baugebiet Hülben als Fußgängerampel und zweitens einen Zebrastreifen in der Ötlinger Straße / Einfahrt zur Hochdorfer Straße. Damit könnten die Ladengeschäfte, von dem Parkplatz an der Westseite, sicherer erreicht werden. Leider wurden diese zusätzlichen Überwege bei der erfolgten Verkehrsschau abgelehnt. Dies hat natürlich viele Bürger und alle Fraktionen enttäuscht. Wir sind aber guten Mutes und hoffen, dass zu gegebener Zeit, dies noch genehmigt und umgesetzt wird. Sind Sie versichert, dass wir dranbleiben.


Blick im Mai 2020 von der „Stelle“/Herlach auf Notzingen
Der heutige Feldweg entspricht ungefähr dem früheren Straßenverlauf. Insbesondere die Steigung und der Höhenunterschied der alten „Stellagaß“ zur jetzigen Straße ist beachtlich

Die „Gruhe oder Gruabbank“ wurde bei den Bauarbeiten 1976/1977 von der eigentlichen „Stelle“ etwas nach Norden versetzt. Sie erinnert an die beschwerlichen Lastentransporte zu Fuß. Bis nach dem zweiten Weltkrieg wurden Transporte, auch überörtliche Transporte, auf dem Kopf oder auf dem Rücken durchgeführt. Auf der „Gruhe“ konnte man seine Lasten abstellen und sich etwas ausruhen. Links die heutige Landstraße L 1201, rechts der Feldweg als Verlauf der früheren Straße

Mit der jetzigen Renovierung der Straße wird sicherlich der Fahrkomfort zunehmen und der Lärm durch Abrollgeräusche von Kraftfahrzeugen abnehmen. Der Komfort für die ÖPNV-Nutzer, für die Radfahrer wie auch für die Fußgänger sind auch zukünftig noch nicht in der „Traumlösung“. Aber es ist nun ein guter „Kompromiss des Machbaren“ zwischen der weiterhin steilen und engen Straßenführung, der verfügbaren kommunalen Fläche und der Finanzierbarkeit. Aber auch zwischen den berechtigten unterschiedlichen Interessenlagen von Anwohnern, Handel, Gewerbe und Dienstleistern sowie den Verkehrsteilnehmern und Ihrer unterschiedlichen Verkehrsmittel. Freuen wir uns Alle, nach den kommenden Mühen und Einschränkungen der Bauphase, auf die Wiedereröffnung der renovierten Straße.

Quellen: Notzinger Heimatbuch, Texte von Siegfried Bader, Sammlung Ursula Eberbach, Sammlung Alfred Bidlingmaier

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